recto: Zwei stehende Frauen, verso: Hl. Jacobus d.Ä.
Datierung / Date
um 1520Technik / Material Technique / Material
Rötel, in hellerem und dunklerem Farbton, gewischt, aufgezogen auf Papier und mit Feder in Gold mehrläufig umrandetMaße / Dimensions
Blattmaß / Sheet: 391 x 261 mmInv.-Nr. / Acc. No.
14042 ZBeschr. / Inscr.
Beschr. auf Blatt (recto) / Inscr. (recto): in brauner Feder u. l.: „164 JWH / N 20 27“ (durchgestrichen), u. r.: „II“ (?)
Beschr. auf Blatt (verso) / Inscr. (verso): in brauner Feder u. l.: „8262“ (alte Inv.-Nr.), u. r.: „22 JWH“ („22“ durchgestrichen), in grauer Feder auf der Umrandung u. Mitte: „als Andrea del Sarto“
Beschr. auf Trägerkarton / Inscr. on hist. mount: "Pontormo (früh) (B.D.)" (Bernhard Degenhart), "Naldini ? (KA)" (Keith Andrews)
Bemerkungen / Notes
Jacopo Pontormo, eigentlich Jacopo Carrucci
Pontormo 1494 – 1557 Florenz
»Zwei stehende Frauen«, nach 1530?
Verso: Der hl. Jakobus d. Ä.
Recto und verso: Rötel in hellerem und dunklerem Farbton (zum Teil durch Flecken verändert?), gewischt; beschriftet unten links mit dunkelbrauner Feder: 164 (durchgestrichen) sowie weitere Zahlen und Buchstaben, sämtlich durchgestrichen; unten rechts zwei vertikale Striche in schwarzer Feder, ähnlich einer römischen II; verso auf dem unteren Rand der alten Montierung in Bleistift: als Andrea del Sarto, unten links in schwarzer Tinte: 8262, unten rechts einige undeutliche Buchstaben und Zahlen, rechts neben den Füßen der Figur eine undeutliche Beschriftung in Rötel; Vorder- und Rückseite jeweils mit einem aufgeklebten Papierrahmen von circa 13 mm Breite umrandet.
393 x 261 mm
Inv.-Nr. 14042 Z. – Altes Inventar (1820-22) Nr. 8262: And. del Sarto: Der heilige Johannes, auf der Rückseite zwey weibliche Figuren. – Neues Inventar (1852): unter Sammelnummer 13696-14057: Verschiedene Meister aus allen Schulen: Akademische Studien 362 Bl.; Auflösung der Sammelnummer (ca. 1950): Unbek. Italiener 16. Jh.: Weibliche Figuren.
Provenienz: 1822 vom Antiquar Motzler, Freising, erworben; recto: Lugt 2673, verso: Lugt 2717.
Literatur: Cox-Rearick 1964, Nr. 17, 18, S. 112 f., Abb. 21, 22 (Pontormo, immer Pontormo, falls nicht anders vermerkt). – Berti 1965a, Nr. III. – Andrews 1966, S. 582 (Naldini). – Semff 2002, S. 222 f. mit Abb.
Ausst.-Kat.: München 1958a, Nr. 46, S. 47 f., Taf. 46, Text von Bernhard Degenhart. – München 1967, Nr. 62, S. 72, Taf. 19. – München 1977, Nr. 66, S. 95 f. Abb. 36 und 37. – München 2008, Bd. 1, S. 136 mit Abb. S. 138 f., recto und verso.
Das Blatt ist in seiner Schönheit, Kraft und inneren Bewegung ein Musterbeispiel für Pontormos fulminante Zeichenkunst: Herrlich, wie das Licht über die Oberflächen spielt, wie der Gewandstoff sich in Fältelungen legt, an den Bauch schmiegt und mit erotischer Finesse die straffe Haut um den Nabel ahnen lässt; wie sich der verschleierte Kopf graziös und empfindsam neigt, und der aus Linien gewirbelte Arm die erste mit der zweiten Figur verbindet. Diese liegt wegen der Beleuchtung von links im Schatten, ist in eine tiefere Raumschicht gestaffelt, wirkt flächiger, ja erscheint wie eine astrale Wiederholung der ersten. Obwohl der elementare Körper der Hauptfigur fest gebaut ist, wirken beide durch kurvierte Linien, die sich besonders bei der zweiten antennenartig vom Umriss lösen, wie von einem inneren Bewegungsfluss durchströmt. Die Attraktivität des Blattes wird aus heutiger Sicht durch den Abstraktionsgrad erhöht sowie durch die Spannung zwischen bezeichneter und unbezeichneter Fläche. Aus der Achse nach rechts gerückt, lässt die Gruppe links eine Freifläche, aus deren Raum heraus die erste Figur ihre dreidimensionale Wirkung bezieht, die in der zweiten nachhallt. Leonardo da Vinci bestimmte das Verhältnis von Gegenstand und Raum durch ein Helldunkel und das schummerige Auflösen der Konturen im sfumato neu; Pontormo erschloss die dritte Dimension durch Linienwirbel, die als dynamische Volumina in den Raum greifen und die Figuren wie transparente Skulpturen erscheinen lassen.
Da Pontormos maniera ganz den ersten Eindruck der Zeichnung prägt, erhebt sich die Frage nach dem Thema zunächst nicht. Natürlich lässt das Blatt an des Meisters frühe Heimsuchung für den Carro della Moneta denken, doch führen die Gemeinsamkeiten kaum über das Vorhandensein zweier stehender weiblicher Figuren hinaus. Eine Neubewertung von Pontormos Altarbild Heimsuchung in Carmignano von 1528, das vier stehende Frauen zeigt, bietet für die Münchner Zeichnung jedoch einen hier nur anzudeutenden neuen Interpretationsansatz. Christoph Bertsch hat für das Bild in Carmignano gezeigt, dass eine ausschließliche Interpretation als Heimsuchung »diesem äußerst vielschichtigen Bild mit differenzierten Bedeutungsebenen nicht gerecht werden kann.« Er verweist unter anderem auf weit verbreitete Überlegungen in der Toskana des frühen 16. Jahrhunderts, wonach der pilgernde Geist den Leib im Traum oder in der Ekstase um einer Reise willen verlässt. Es ist bekannt, dass Pontormo Vorstellungen der Transformation und des Übergangs der Realitätsebenen obsessiv anhing. Vermutlich suchte er in den auf kein traditionelles Thema festlegbaren »zwei Frauen« der Münchner Zeichnung nach einem Weg, den so angeregt diskutierten Bezug der körperlich-elementaren und der geistig-astralen Seinsebene des Menschen bildlich nachzuspüren. Die Darstellung des körperlichen Leibes der in Gedanken versunkenen Gestalt vorne und ihrer versetzt dazu wiedergegebenen, sich in den Konturen ätherisch auflösenden Verdoppelung würde dieser Lesart nicht widersprechen: Reinigung als Trennung von Seele und Leib, der wandernde Geist, die Verwandlung des Elementaren in geistiges Fluidum könnten das Movens dieses graphischen Virtuosenstücks sein. Inwieweit die Datierung des Blattes durch Janet Cox-Rearick auf etwa 1515 und die von Forschern wie Victor Stoichita erst für die dreißiger und vierziger Jahre des 16. Jahrhunderts angenommene intensivere Beschäftigung Pontormos mit esoterischen Fragen zu vereinen ist, muss späteren Untersuchungen vorbehalten bleiben.
Kurt Zeitler
Literatur / Literature
Den Menschen vor Augen. Künstlerische Strategien seiner Darstellung in italienischen Zeichnungen 1450-1750 , Ausst.-Kat. Pinakothek der Moderne, München, 22. Januar bis 13. April 2025, bearb. von Kurt Zeitler, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2025, S. 98, 99, 112, Abb. S. 113, Kat.-Nr. 41
Anja Richter-Klein, Die Theatinerkirche St. Kajetan und St. Adelheid in München (1663 - 1768). Der sakrale Zwillingsbau zum profanen Schloss Nymphenburg, Das Gesamtkunstwerk Nymphenburg. Schloss / Burgen / Park in 7 Bänden, Bd. II (Textband I), Starnberg 2022, S. 386
Anja Richter-Klein, Die Theatinerkirche St. Kajetan und St. Adelheid in München (1663 - 1768). Der sakrale Zwillingsbau zum profanen Schloss Nymphenburg, Das Gesamtkunstwerk Nymphenburg. Schloss / Burgen / Park in 7 Bänden, Bd. II (Bildband II), Starnberg 2022, S. 80, Fig. 35.F., Kat.-Nr. 35 F
Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici, Ausst.-Kat. Frankfurt am Main, Städel Museum, hrsg. von Bastian Eclercy, bearb. von Bastian Eclercy, Dennis Geronimus und Theresa Holler, München / London / New York 2016, S. 74, Abb. S. 75, Kat.-Nr. 17
PONTORMO dibujos, Ausst.-Kat. Madrid, Fundación MAPFRE, hrsg. von Pablo Jimenez Burillo, bearb. von Kosme de Baranano, Madrid 2014, S. 25, 54, Kat.-Nr. 3
Dürer to de Kooning. 100 Master Drawings from Munich. Von Dürer bis de Kooning. 100 Meisterzeichnungen. Die Staatliche Graphische Sammlung München zu Gast in New York, Ausst.-Kat. New York, The Morgan Library & Museum, München 2012, S. 12, 46-47, Abb. S. 47, Kat.-Nr. 13
Michael Semff und Kurt Zeitler (Hrsg.), Künstler zeichnen, Sammler stiften. 250 Jahre Staatliche Graphische Sammlung München, Bd. I, Ostfildern 2008, S. 136, Abb. S. 138 (recto), 139 (verso)
Michael Semff (Hrsg.), Ein Bildhandbuch. A visual handbook. Staatliche Graphische Sammlung München, München 2002, Abb. S. 222, 223
Italienische Zeichnungen des 16. Jahrhunderts aus eigenem Besitz, Ausst.-Kat. München, Staatliche Graphische Sammlung, hrsg. von Staatliche Graphische Sammlung München, bearb. von Richard Harprath, München 1977, S. 95-96, Abb. 36-37, Kat.-Nr. 66
Italienische Zeichnungen. 15. - 18. Jahrhundert, Ausst.-Kat. München, Staatliche Graphische Sammlung, hrsg. von Staatliche Graphische Sammlung, bearb. von Annegrit Schmitt, München 1967, S. 72, Taf. 19, Kat.-Nr. 62
Janet Cox Rearick, The Drawings of Pontormo, 2 Bde., Text und Illustrations, Cambridge Mass. 1964, S. 26, 109, 112-113, fig. 21 (recto), fig. 22 (verso), Kat.-Nr. 17, 18
Hundert Meisterzeichnungen aus der Staatlichen Graphischen Sammlung München, Ausst.-Kat. München, Staatliche Graphische Sammlung, hrsg. von Peter Halm, Bernhard Degenhart und Wolfgang Wegner, München 1958, S. 47-48, Taf. 46, Kat.-Nr. 46




