Christus erscheint Petrus (Domine, quo vadis?)
Datierung / Date
16./17. Jh.Technik / Material Technique / Material
Rötel, Feder in Braun, weiß gehöht, auf grün grundiertem PapierMaße / Dimensions
Blattmaß / Sheet: 197 x 201 mmInv.-Nr. / Acc. No.
2833 ZErwerb / Acquisition
Kurfürst Carl Theodor, MannheimBemerkungen / Notes
Text aus: Kurt Zeitler, Zeichner in Rom 1550 - 1700, Berlin/München 2012, S. 107-108, Kat. 39
Annibale Carracci
Bologna 1560 – 1609 Rom
Der Künstler hatte sich auf Reisen in die Toskana, nach Parma und Venedig mit wichtigen Strömungen der Malerei seiner Zeit vertraut gemacht und war Mitbegründer der Accademia degli Incamminati in Bologna. 1595 wurde er von Kardinal Odoardo Farnese (1573–1626) nach Rom berufen. Als eine erste Arbeitsprobe malte er das Studierzimmer des Kardinals mit einem Herkuleszyklus aus. Als sein Hauptwerk folgte die Dekoration der Galleria Farnese, die vielen Barockdecken zum Vorbild wurde. Mit Annibales Übersiedlung verknüpfte sich die Bologneser Malerei und Zeichenkunst eng mit der in Rom. Viele seiner Schüler wurden durch die Mitarbeit an den Fresken zu selbständigen Künstlern und wirkten für längere Zeit in der Ewigen Stadt. Die 1601 fertig gestellten Deckenfresken – die Arbeiten an der Dekoration dauerten noch bis 1608 – stellen mythologische Szenen zum Thema »Macht und Liebe« dar und sind, orientiert an Michelangelos Sixtinischer Decke und Raffaels Dekorationen in der Villa Farnese, durch vorgetäuschte Rahmen voneinander getrennt. In seinen Leinwandbildern verschmolz Annibale das Sujet mit der Landschaft, die sich bei ihm vom bloßen Hintergrund zum Stimmungsträger wandelt. Auf Nicolas Poussin und Claude Lorrain übte Annibales Durchdringung des Szenischen mit der Naturdarstellung großen Einfluss aus. Sein Ruhm wurde durch den Kunstschriftsteller Giovanni Pietro Bellori (1613–1696) hochgehalten, der in Annibales Werken die Vereinigung von römischem »disegno« und venezianischem »colore« feierte.
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Annibale Carracci
Christus erscheint Petrus, um 1601
Rückseite: Teil einer männlichen Aktstudie; Schrift
Rötel, Feder in Braun, weiß gehöht, auf grün grundiertem Papier, das Blatt später in schwarzer Feder umrandet; Rückseite: Rötel, Feder in Dunkelbraun; beschriftet unten links in blauer Feder: 55.; unten rechts in brauner Feder: 541. sowie An Caracci und 43; rückseitig: Schriftproben, u. a. eine Adresse in brauner Feder: Molto Magco …/Mio Ossmo…/Anibalo Caraccj/a Roma; rechts oben neben dem Kopf Petri um die linke Hand ein Stück aus blauem Naturpapier eingesetzt (wohl von Annibale Carracci selbst), das auf der Vorderseite grün eingetönt und zum Teil mit Weißhöhung abgedeckt ist; kein Wasserzeichen feststellbar.
197 x 201 mm
Inv.-Nr. 2833 Z. – Altes Inventar (1804) Nr. 541: Annib: Car-/ raccio: Domine quo vadis. /: Petrus: / Christus geht nach Rom. – Neues Inventar (1852): Carracci, Anib.: Christus erscheint dem aus Rom wand-/ ernden Petrus, und sagt ihm er solle / wieder zurückgehen um sich kreuzigen / zu lassen.
Provenienz: Kurfürst Carl Theodor, Mannheim (Lugt 2723), Schausammlung: Christus mit dem heil:Petro. Von Hannibal Carrache.
Literatur: Strixner/Piloty 1816 (lithographische Wiedergabe, Winkler 1975, S. 367, Nr. 65.3). – Cavalli 1956, unter Nr. 107, S. 240. – Ausst.-Kat. Bologna 1956, Nr. 121, S. 93. – Ausst.-Kat. München 1967, Nr. 23, S. 56, Tafel 56. – Levey 1971, unter Nr. 9, S. 62 ff. – Posner 1971, Bd. 2, unter Nr. 135, S. 60. – Ausst.-Kat. München 1977, Nr. 25, S. 45 f.
Vermutlich um 1601 beauftragte Kardinal Pietro Aldobrandini (1571–1621), Neffe Papst Clemens’ VIII. (1592–1605), Annibale Carracci mit einem Gemälde zu einem selten dargestellten Thema. Es schildert die Erscheinung Christi, die der hl. Petrus vor den Toren Roms gehabt haben soll und befindet sich heute in der National Gallery in London. Die Münchner Zeichnung könnte in einem frühen Projektstadium als Präsentationsentwurf dazu gedient haben.
Die Legenda aurea berichtet, wie sich Petrus während der neronischen Christenverfolgung überreden ließ, Rom zu verlassen: Am Stadttor bei dem heutigen Kirchlein Domine quo vadis an der Via Appia antica »sah er Christum gegen ihn kommen und sprach ›Herr wohin gehest du? (Domine, quo vadis?)‹ Sprach der Herr ›Ich gehe nach Rom, daß ich zum andern Male gekreuziget werde‹. Und Petrus sprach ›Herr, sollst du wieder gekreuzigt werden?‹ Antwortete der Herr ›Ja ich‹. Da sprach Petrus ›So will ich umkehren, daß ich mit dir werde gekreuzigt‹. Als er das gesagt hatte, stieg Christus vor seinen Augen gen Himmel empor.« Annibale Carracci gibt dieser Legende in der Figur Christi die größte Überzeugungskraft: Christus erscheint wie ein Apoll als athletische Lichtgestalt, das massive Kreuz mühelos geschultert – eine wahre Inkarnation des überwundenen Todes. Mit entschiedener Geste weist er dorthin zurück, von wo der erschrocken gestrauchelte Petrus gekommen sein wird. In der Figur Christi wird das Neue an Annibale Carraccis Konzept sichtbar: Sie wäre ohne die Kunst Raffaels nicht denkbar und gewinnt noch mehr als bei diesem in einer reduzierten Bildstruktur einen eigenen Freiraum, aus dem heraus die Erscheinung in klarer Gestik agiert und zudem überzogen von einem lichthaltigen Schmelz, alle Aufmerksamkeit an sich bindet. Für das Gemälde wurde die Figur kaum weiter verändert auf die linke Seite verlegt. Den Petrus konzipierte Annibale neu und verwandelte das Erschrecken in der Zeichnung in eine beschämte Betroffenheit des nun in der rechten Bildhälfte in die Knie gesunkenen Apostelfürsten. Bei gleichbleibender Beleuchtung von links fällt im Gemälde der Schatten des Kreuzes auf Petrus. Die ausgeschnittene Stelle zwischen Gesicht und linker Hand sowie Pentimenti am rechten Bein zeigen, dass Annibale schon in der Zeichnung um eine angemessene Gestik des Petrus gerungen hat, ehe er sich entschloss, die Figuren gegeneinander auszutauschen. Bezeichnend für die dramatische Verdichtung der Szene ist, dass Annibale in dem Blatt auf räumliche Ambientierung weitestgehend verzichtete. Stattdessen hob er durch die strahlende Weißhöhung auf grünem Grund das übernatürliche Licht als eine im beginnenden Barock entscheidende Qualität hervor.
Literatur / Literature
Saskia Rubin, Domine, Quo Vadis? Annibale Carracci Approaches an Old Theme Anew?, in: artibus et historiae. an art anthology, no. 77 (XXXIX), 2018, S. 231-253, Abb. 15, S. 244
Zeichner in Rom 1550-1700, Ausst.-Kat. München, Staatliche Graphische Sammlung München in der Pinakothek der Moderne, bearb. von Kurt Zeitler, München 2012, S. 107-108, Abb. S. 108, Kat.-Nr. 39
Michael Semff (Hrsg.), Ein Bildhandbuch. A visual handbook. Staatliche Graphische Sammlung München, München 2002, Abb. S. 277
Bernadette Py, Everhard Jabach - Collectionneur (1618-1695), 2001, S. 208, Kat.-Nr. 862
Zeichnungen aus der Sammlung des Kurfürsten Carl Theodor. Ausstellung zum 225jährigen Bestehen der Staatlichen Graphischen Sammlung München, Ausst.-Kat. München, Neue Pinakothek, hrsg. von Staatliche Graphische Sammlung München, bearb. von Holm Bevers, Richard Harprath, Dieter Kuhrmann, Eva-Maria Marquar, Konrad Renger und Gisela Scheffler, München 1983, S. 25, Farbtaf. 9, Kat.-Nr. 12

