Ein Engel hält den Leichnam Christi
Datierung / Date
um 1590Technik / Material Technique / Material
Rötel HadernpapierMaße / Dimensions
Blattmaß / Sheet: 275 x 183 mmInv.-Nr. / Acc. No.
3178 ZWasserzeichen / Watermark
Blatt kaschiert, kein Wasserzeichen erkennbarErwerb / Acquisition
Kurfürst Carl Theodor, MannheimBemerkungen / Notes
Text aus: Kurt Zeitler, Zeichner in Rom 1550 - 1700, Berlin/München 2012, S. 117-118, Kat. 45
Ferraù Fenzoni
Faenza 1562 – 1645 Faenza
Ferraù Fenzoni kam in jungen Jahren nach Rom, wo er um 1590 an mehreren Freskenzyklen mitwirkte, die Papst Sixtus V. (1585–1590) in Auftrag gegeben hatte. Er gilt zusammen mit Andrea Lilio (1555/70–nach 1639) und den Sienesen Francesco Vanni und Ventura Salimbeni (1568–1613), mit denen er die oft starken Verkürzungen und die Nähe zu Federico Barocci teilt, als einer der Hauptvertreter des ausgehenden römischen Manierismus, ja wurde überhaupt als der letzte Manierist in Italien bezeichnet. Nach dem Tod Sixtus’ V. arbeitete er weiter in Rom, wurde aber 1593/94 nach Todi berufen. 1599 kehrte er in seine Heimatstadt Faenza zurück, ehe er seine künstlerische Tätigkeit um 1625 aufgab. Seine kraftvoll elegante Linienführung in den Skizzen erinnert an Taddeo Zuccari, und in seinem Naturalismus geht er Caravaggio (1571–1610) voran. Fenzonis bildhafte Rötelstudien, zu denen die Münchner Zeichnung rechnet, knüpfen an die malerische Zeichenweise Baroccis an und stehen auch Blättern Raffaellino da Reggios nahe.
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Ferraù Fenzoni
Ein Engel hält den Leichnam Christi, um 1590
Rötel, Werkstattspuren; beschriftet mit brauner Feder unten links: 2603; aufgezogen, sowie unten links mit Papierstreifen zum Rechteck ergänzt.
275 x 183 mm
Inv.-Nr. 3178 Z. – Altes Inventar (1804) Nr. 2603: Simon Vouet [Name mit blauem Stift ergänzt]: Ein Engel hält den Leich- / nam Christi. – Neues Inventar (1852): Vouet, Simon: Ein Engel hält den Leichnam / des Herrn. – Auf der alten Montierung: Ferrau Fenzoni (D. Lachenmann + F. Borne); Blatt kaschiert, kein Wasserzeichen erkennbar.
Provenienz: Kurfürst Carl Theodor, Mannheim (Lugt 2723); Lugt 2673
Literatur: Schwed 2000, S. 38, Fig. 21.
Die athletische Gestalt des Engels mit den weichen Gesichtszügen und dem gelockten Haar kniet auf dem Rand eines Sarkophags und stützt den vom Kreuz genommenen Leichnam. Mit der einen Hand fasst der Himmelsbote den Heiland unter der Achsel, mit der anderen am Gelenk der vom Martyrium verkrampften Hand. Der bärtige Kopf des Toten ist mit geschlossenen Augen auf die Brust gesunken, während der Engel mitfühlend die malträtierte Hand betrachtet.
Die Darstellung verbindet Elemente aus der Bildtradition des Gnadenstuhls, in der Gottvater seinen Sohn als Gekreuzigten vorweist, mit der einer Grablegung, in der Jesus durch Joseph von Arimathia und Nikodemus beigesetzt wird: Halb präsentiert der Engel den Heiland, halb bettet er ihn in den Sarkophag. Besondere Sorgfalt verwendete der Zeichner auf das klassische Ebenmaß des wie von Licht übergossenen Körpers. Das erinnert an Zeichnungen des Federico Barocci oder Raffaellino da Reggio, kann aber auch auf niederländische Einflüsse deuten, wie sie von Hendrik Goltzius (1558–1617) ausgingen, der sich 1590/91 in Rom aufhielt. Die Ausgewogenheit der Komposition und die idealische Sanftmut des Engels dürften den Ausschlag gegeben haben, dass das Blatt lange Zeit unter Simon Vouet eingeordnet war. David Lachenmann und François Borne erkannten jedoch in Ferraù Fenzoni den Autor dieses exquisiten Blattes, das vermutlich zum Ende seines römischen Aufenthalts entstand, seiner künstlerisch stärksten Phase. Fenzoni hat Grablegungen und verwandte Themen häufiger behandelt. Eine nicht minder schöne Zeichnung in Göttingen zeigt den toten Christus, wie er ins Grab gelegt wird. Die Zeichenweise ähnelt dem Münchner Blatt ebenso wie die expressiv verformte Hand Christi einer Handstudie auf einem Blatt in Rennes. Giuseppe Scavizzi zufolge knüpfte Fenzoni in seinen Skizzen an die Linieneleganz Taddeo Zuccaris an, die bei ihm aber auf noch mehr Ausdruck zielt; in seinen bildhaften Studien nähert er sich dagegen malerischen und naturalistischen Strömungen. Sie waren unter anderem von Girolamo Muziano und Cesare Nebbia eingeleitet und trugen um 1600 zur Ausbildung des neuen Stils um Annibale Carracci und Caravaggio bei.
Literatur / Literature
Zeichner in Rom 1550-1700, Ausst.-Kat. München, Staatliche Graphische Sammlung München in der Pinakothek der Moderne, bearb. von Kurt Zeitler, München 2012, S. 117-118, Abb. S. 118, Kat.-Nr. 45

