Kinderkopf; verso: Zwei Studien zu einer Madonna mit stehendem Kind
Datierung / Date
16. Jh.Technik / Material Technique / Material
Rötel, weiß gehöht, auf braunem Papier; verso: RötelMaße / Dimensions
Blattmaß / Sheet: 267 x 201 mmInv.-Nr. / Acc. No.
12899 ZBeschr. / Inscr.
Beschr. auf Blatt (recto) / Inscr. (recto): u. l.: "5228"
Bemerkungen / Notes
"Gemälde Madonna mit Kind und dem Johannesknaben. Florenz, Galleria Corsini.
Zu diesem Gemälde fand sich eine reizende Rötelstudie für den Kopf des Christkindes. Allerdings ist zu vermuten, daß das Köpfchen nicht als Studie zu dem Bilde entstanden ist, sondern als solche schon selbständig bestand und in der Gruppe dann Verwendung fand. Dafür spricht vor allem, daß die Übereinstimmung eine vorwiegend physiognomische ist, daß aber die Verschattung von Augen und rechter Gesichtshälfte - ein ausgesprochenes Studienproblem - dem Zwecke nicht entspricht, also wohl von vornherein unterblieben wäre, wenn die Bestimmung festgestanden hätte. Gleichwohl ist die Ähnlichkeit der plastischen Form bündig genug, um eine unabhängige Schöpfung auszuschließen. Wie Schädel, Stirn und Wangen sehr ähnlich geformt sind, so ist auch die Stellung von Augen, Nase und Mund zueinander übereinstimmend, ja beim Haarwuchs geht die Ähnlichkeit bis in zufällige Einzelheiten (so die Löckchen links an der Schläfe und rechts am Hinterkopf und vor allem der Mittelschopf). Man wird danach also schließen müssen, daß Pontormo für das Bild wohl nicht einfach nur das gleiche Kindermodell benutzt hat, sondern diese seine Rötelstudie mit geänderter Lichtführung zugrunde legte.
Typus und Ausdruck des Köpfchens geben jene rein manieristisch formulierte Auffassung des Jahrzehnts um 1530, die kindliches Leben in eine starre Formel bannt, das Kind selbst aus lebensfreudiger und idealisierter Sphäre hebt und mit unfrohem Zukunfts- und Sendungsbewußtsein belastet (formal wird für diesen Zweck, im Gegensatz zur Hochrenaissance, das Säuglingsalter bevorzugt).
Haben wir oben gesagt, daß die Studie wahrscheinlich der Bildkonzeption vorausgegangen sei, so mag hier noch rein hypothetisch ausgesprochen werden, daß sie dem Künstler die Möglichkeit ihrer Verwendung in einem Madonnenbilde nahegelegt haben könnte, für welches er auf der Rückseite des Blattes erste Bildvorstellungen notierte. Die beiden Skizzen auf der Rückseite, flüchtige Andeutungen einer halbfigurigen Komposition widersprechen einer solchen Annahme nicht. Noch ist nichts außer einer allgemeinen achsialen Beziehung zwischen dem stehenden Kinde und der nach rechts sich neigenden Mutter festgelegt, auch nicht die Figurenzahl (2-4). So läßt sich auch nicht positiv entscheiden, ob diese Kompositionsskizzen etwa erste Vorstufen zu unserer Madonna Corsini sind oder niemals verwertet wurden. Für die Zeichenweise sei der Entwurf einer Kreuzabnahme (Uff. 6622. Clapp Fig. 83) als Vergleichsbeispiel genannt.
H.R. Weihrauch, Einige unbekannte italienische Handzeichnungen in der Graphischen Sammlung zu München, Münchner Jahrbuch der Bildenden Kunst, N.F. XII, Heft 3, 1937-38, XXV-XXXII, hier XXIX-XXX
Literatur / Literature
Den Menschen vor Augen. Künstlerische Strategien seiner Darstellung in italienischen Zeichnungen 1450-1750 , Ausst.-Kat. Pinakothek der Moderne, München, 22. Januar bis 13. April 2025, bearb. von Kurt Zeitler, München / Berlin: Deutscher Kunstverlag 2025, S. 133, 156, Abb. S. 157, Kat.-Nr. 61
Anja Richter-Klein, Die Theatinerkirche St. Kajetan und St. Adelheid in München (1663 - 1768). Der sakrale Zwillingsbau zum profanen Schloss Nymphenburg, Das Gesamtkunstwerk Nymphenburg. Schloss / Burgen / Park in 7 Bänden, Bd. II (Textband I), Starnberg 2022, S. 296-297
Anja Richter-Klein, Die Theatinerkirche St. Kajetan und St. Adelheid in München (1663 - 1768). Der sakrale Zwillingsbau zum profanen Schloss Nymphenburg, Das Gesamtkunstwerk Nymphenburg. Schloss / Burgen / Park in 7 Bänden, Bd. II (Bildband II), Starnberg 2022, S. 49, 111, Fig. 25.C.b., Fig. 56.C.c., Kat.-Nr. 25.C.b. (zum Verso), 56.C.c. (zum Recto)
PONTORMO dibujos, Ausst.-Kat. Madrid, Fundación MAPFRE, hrsg. von Pablo Jimenez Burillo, bearb. von Kosme de Baranano, Madrid 2014, S. 29, 16, 17, Kat.-Nr. 37
Bernard Berenson und Elisabeth Mariano, I disegni dei pittori fiorentini, Bd. 2, 3 Bde., Milano 1961, S. 507, Kat.-Nr. 2256 B-4
Weihrauch, Hans Robert, Einige unbekannte italienische Handzeichnungen in der Graphischen Sammlung zu München, in: Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst, N. F. XII, Heft 3, 1937-38, 1938, , S. XXIX-XXX, Abb. S. XXVIII, Abb. 6

