Datierung / Date

1545

Technik / Material Technique / Material

Kupferstich

Maße / Dimensions

Blattmaß / Sheet: 435 x 573 mm

Inv.-Nr. / Acc. No.

229802 D

Beschr. / Inscr.

Beschr. auf Blatt (recto) / Inscr. (recto): unten links, auf der zweiten Stufe der Treppe: RAPH VRBI PINXIT / IN VATICANO. auf der ersten Stufe: EXCVDE / BAT . ANT / SALAMAN / CA 1545

WVZ / Cat. Rais.

Bartsch Bd. XV, S. 33 Nr. 6-II; Boorsch und Spike in TIB, Bd. 28, S. 44 Nr. 6 (33)

Erwerb / Acquisition

Aus dem Kunsthandel München, inventarisiert 1950

Bemerkungen / Notes

Text aus: Kurt Zeitler, GRANDE DECORAZIONE. Italienische Monumentalmalerei in der Druckgraphik, Berlin/München 2018, S. 69-71, Kat. 8
8
Unbekannt (Marco Dente?), Der Borgobrand, nach Raffael, Stanza dell’Incendio di Borgo, Vatikanischer Palast, Vatikan
Raffael (→), Der Borgobrand, Stanza dell’Incendio di Borgo, Vatikanischer Palast, Vatikan
Die Stanza dell’Incendio di Borgo freskierte Raffael als zweiten Raum der Stanzen 1514–17. Er diente Papst Julius II. (reg. 1503–13) als Gerichtsraum und Leo X. (reg. 1513–21) als Speisezimmer, das auch für zeremonielle Anlässe wie etwa Bischofsweihen genutzt wurde. Die bestimmenden Bildaussagen dieser Stanza bringen den Anspruch zur Vorherrschaft des Papstes gegenüber den weltlichen Mächten, die Einheit der Christenheit und den Kampf gegen die Ungläubigen zum Ausdruck. Alle in diesem Raum gezeigten Szenen nehmen Bezug auf die wichtigsten Taten der Namensvorgänger Leos X., der sich mit seinen Gesichtszügen in ihren Figuren darstellen ließ und sich damit ideell mit den Vorgängern im Pontifikat verband. Der Borgobrand zeigt Papst Leo IV. (reg. 847–855), der durch seinen Segen den Brand im Nachbarviertel des Vatikans, dem Borgo, zum Erlöschen bringt und damit Stadt und Kirche rettet. Anspielungen auf die zum Zeitpunkt von Raffaels Ausstattung seit Jahrzehnten in Südosteuropa tobenden und nach dem Fall von Konstantinopel nun in Ungarn wütenden Türkenkriegen sind nicht zu übersehen. Künstlerisch kündigt sich in Raffaels Fresko mit dem Verzicht auf einen ausgewogenen symmetrischen Bildaufbau und in der Übersteigerung der Bewegungsabläufe ein neues Stilprinzip an. Das Aufgeben der klassischen Ordnung sollte für die Schüler Raffaels kennzeichnend werden, vor allem auch für Giulio Romano, dem die Ausführung des Borgobrandes oblag.
Unbekannt (Marco Dente?) (→) (Stecher), Antonio Salamanca (→) (Verleger), Der Borgobrand, nach Raffael, Kupferstich im Gegensinn, Einzelblatt
Das Blatt trägt die Adresse des Verlegers Antonio Salamanca, die Jahreszahl 1545 und zeigt Raffaels Komposition im Gegensinn. Da die Darstellung oben nicht wie das Fresko halbkreisförmig schließt, sondern zum Rechteck erweitert ist, wurde vermutet, dass sich der Stecher auf eine verlorene Zeichnung Raffaels bezog. Dies könnte die Autorschaft Marco Dentes nahelegen, der häufig nach Zeichnungen Raffaels gearbeitet hat und dessen Name Adam von Bartsch im Zusammenhang mit dem Stich erwähnt. David Landau und Peter Parshall sind dagegen überzeugt, dass der Stich nach der Wandmalerei entstand und Dente nicht sein Autor ist. Sie datieren das Blatt in die vierziger Jahre des 16. Jahrhunderts und damit in einen Zeitraum, in dem das Arbeiten nach den ausgeführten Werken gebräuchlicher wurde, wenngleich Bonasone dieses Faktum für seine Wiedergabe nach Michelangelos Jüngstem Gericht 1541 noch für besonders erwähnenswert hielt (Kat. 7).
Zwar stimmen der Stich und das Fresko in vielen Punkten überein, doch besteht im Bereich der Benediktionsloggia und der Fassade von Alt-Sankt-Peter auch ein gravierender Unterschied: In der Druckgraphik ist die ganze Partie verhältnismäßig breiter angelegt als im Fresko. Dadurch gelang es, die im Fresko vom Bogen abgedeckten Zwickel oben rechts und links in der ins Rechteck überführten Stichversion weiter nach außen zu schieben, in der Absicht, die dort neu zu erfindenden Bildbereiche möglichst klein zu halten. Gerade sie fallen in der Wiedergabe auch ein wenig eintönig aus. Man sieht, dass die dem Stecher gestellte Aufgabe nicht darin bestanden haben kann, die Situation in den Stanzen wiederzugeben, wiewohl schon der I. Zustand diesen Zusammenhang mit der Aufschrift „RAPH VRBI PINXIT / IN VATICANO“ hervorhebt. Eine Komposition Raffaels sollte dokumentiert werden, nicht aber deren architektonischer Zusammenhang. Vergleichbar gelagert ist der Fall beim Stich Lambert Zutmans (Kat. 11). In späterer Reproduktionsgraphik werden aber das Formale und das Künstlerische sowie der architektonische Kontext in den Wiedergaben immer bedeutsamer.
Der hier gezeigte II. Zustand trägt außer der Adresse von Salamanca die Jahreszahl 1545, dem Jahr der Eröffnung des Konzils von Trient, mit dem die katholische Kirche auf die Reformation reagierte und die päpstliche Gewalt neu zu festigen suchte. Das Thema von Raffaels Wandmalerei, das einen wundertätigen Papst zeigt, der mit dem Kreuzeszeichen einen Brand zum Erlöschen bringt, erscheint vor diesem Hintergrund das Tagesgeschehen sinnbildlich zu kommentieren. Dass die Darstellung im Gegensinn wiedergegeben ist, wäre ein Makel, wenn der Stich die Funktion gehabt hätte, das Fresko als Kunstwerk greifbar zu machen, spielt aber im Zusammenhang mit einem im Thema begründeten Anlass keine Rolle. Die hohe Auflagenzahl, die von diesem II. Zustand gedruckt worden zu sein scheint – Bartsch nennt Exemplare dieses Zustands als als „sehr schwach“ – würde einer programmatischen und populären Funktion des Blattes nicht widersprechen. Ein III. Zustand, überarbeitet von Philippe Thomassin (1562–1622), zeigt die Platte oben abgerundet: Offenbar war im beginnenden 17. Jahrhundert der künstlerische Kontext gegenüber dem theologischen in den Vordergrund gerückt. Spätere Stiche wie etwa derjenige des Giovanni Volpato (1735–1803) geben die Komposition oben halbrund geschlossen wieder und beziehen den Rundbogen samt seiner Profile und Ornamente in die Darstellung mit ein.
8
Der Borgobrand
1545
Unbekannt (Marco Dente?) (Stecher) (→), Antonio Salamanca (→) (Verleger), nach Raffael (→)
In Raffaels Wandbild übergreift ein Rundbogen die Darstellung, der schon im unteren Drittel der seitlichen Ränder ansteigt. Er fasst die figurenreiche Szenerie zu einem konzentrierten Bildganzen zusammen. Dem Stecher stellt sich demgegenüber die Aufgabe, unter Preisgabe dieser künstlerischen Prämisse, die Komposition ins Format eines querrechteckigen Tafelbilds zu überführen und jeden Hinweis auf den architektonischen Kontext des Freskos auszublenden. Damit tritt im Stich das Dokumentarische hinter dem Ikonographischen zurück. Die Macht und Gewalt eines wundertätigen Papstes stehen im Fokus des 1545 im Jahr der Eröffnung des Tridentinums neu herausgegebenen Stiches.
Kupferstich im Gegensinn
II. Zustand von IV
435 x 573 mm (Blatt)
Wasserzeichen: birnenförmig, ohne erkennbares Motiv
Beschriftet i. d. Platte u. l. auf der zweiten Stufe der Treppe: „RAPH VRBI PINXIT / IN VATICANO.; auf der ersten Stufe: EXCVDE / BAT. ANT / SALAMAN / CA 1545“; verso in brauner Feder: „G V“ sowie in Bleistift: „229802“ (Inv.-Nr.)
Schwacher Abdruck (wie für den II. Zustand dieses Stichs weit verbreitet und schon von Bartsch vermerkt)
Inv.-Nr. 229802 D
Vertikaler Knick i. d. M.; auf dem Darstellungsrand beschnitten
Auktionshaus Helbing, inventarisiert 1950; Lugt 1094d in Braun
Werkverzeichnisse: Bartsch, Bd. 15, S. 33–34 Nr. 6-II; TIB, Bd. 28, S. 44, Nr. 6-1 (33); TIB, Bd. 28 Commentary, S. 31, Nr. .035 S2 [6 (33)]; Ausst.-Kat. Rom 1985, S. 54, Nr. I,1a
Literatur: Landau/Parshall 1994, S. 121; Ausst.-Kat. Stuttgart 2001, S. 407, Nr. F 15.1 A; Borea 2009, Bd. 1, S. 88, Bd. 2, Abb. Cap. VII, 10

Literatur / Literature

Grande Decorazione. Italienische Monumentalmalerei in der Druckgraphik, Ausst.-Kat. München, Staatliche Graphische Sammlung München in der Pinakothek der Moderne, bearb. von Kurt Zeitler, Berlin / München 2018, S. 16, 21, 33, 37, 70, Abb. S. 71, Kat.-Nr. 8