Martha führt Magdalena zu Christus (für ein vor 1837 zerstörtes Lünettenfresko in der Magdalenenkapelle, der späteren Cappella Massimi von S. Trinità dei Monti)
Datierung / Date
1520Technik / Material Technique / Material
Feder in Gelb-Braun, Spuren einer Vorzeichnung in schwarzem Stift; das Blatt später in schwarzer Feder umrandet; oben segmentförmig abgeschlossenMaße / Dimensions
Blattmaß / Sheet: 226 x 333 mmInv.-Nr. / Acc. No.
2467 ZErwerb / Acquisition
Sammlung Kurfürst Carl Theodor, MannheimBemerkungen / Notes
Text aus: Kurt Zeitler, GRANDE DECORAZIONE. Italienische Monumentalmalerei in der Druckgraphik, Berlin/München 2018, S. 60-62, Kat. 5
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Unbekannt, Martha führt Magdalena zu Christus, nach Marcantonio Raimondi, dieser nach Raffael (?), ehem. Magdalenenkapelle, SS. Trinità dei Monti, Rom
Giulio Romano (→) (zugeschrieben), Martha führt Magdalena zu Christus, Zeichnung
Die unter dem Namen Giulio Romanos aufbewahrte Zeichnung steht in engster Beziehung zu den Fresken im oberen Bereich der ehemaligen Magdalenenkapelle in der Kirche SS. Trinità dei Monti in Rom. Vasari berichtet, eine Kurtisane habe die später von der Familie Massimi übernommene Kapelle mit Evangelisten im Gewölbe und mit Lünettenszenen aus dem Leben der hl. Maria Magdalena ausstatten lassen, die unter anderem Schutzpatronin der Frauen, der Verführten und der reuigen Sünderinnen ist. Die Dekoration entstand nach dem Tod Raffaels, nachdem Giulio Romano und Giovanni Francesco Penni (um 1488–1530) dessen Werkstatt übernommen hatten. Die ursprüngliche Ausmalung ging 1837 im Zuge einer Umgestaltung bis auf wenige abgenommene Fragmente verloren. Laut Pierre-Jean Mariette (1694–1774) befand sich das Fresko Martha führt Magdalena zu Christus über dem Bogen am Kapelleneingang. Es zeigte Maria Magdalena, wie sie vor städtischer Kulisse und versammelter Menschenmenge von Martha die Tempeltreppe emporgeleitet wird. Oben auf dem Podest vor der Tempelfront thront Christus. Er wendet sich mit der erhobenen Rechten wie segnend den beiden Frauen zu.
Zu der Darstellung haben sich außer einem Kupferstich von Raimondi eine Zeichnung in Chatsworth und eine in München erhalten, die beide oben bogenförmig abschließen. Das Blatt in Chatsworth hält Innis H. Shoemaker für die direkte Vorlage zu Raimondis Stich. Die Münchner Zeichnung spiegelt ein früheres Entwurfsstadium dazu wider. Hier ist die auf den Treppenstufen sitzende Figur rechts unterhalb von Christus noch stärker abgesetzt. In der späteren Lösung der Zeichnung in Chatsworth und im Stich Raimondis schließen sich, wie Achim Gnann analysiert, die Zuschauer „zu einer auch räumlich wirksamen Kurve zusammen und lassen dadurch den thronenden Christus viel majestätischer erscheinen.“ Die Zuschauer im Hintergrund auf der Münchner Zeichnung sind gegenüber dem Stich kleiner dargestellt, zulasten eines optischen Zusammenhangs der Figuren. Details wie Fenster- und Türrahmen lenken vom Hauptgeschehen eher ab. Gnann beobachtet ferner, dass die Figuren in äußerst schlichten Linien modelliert und die Treppenstufen nur in hauchdünnen Strichen angedeutet seien. Die Bewegungen von Martha und Magdalena wirkten unorganisch. So zeichne sich der Schlagschatten auf Marthas Gewand scharf ab, doch ihr Körper sei ohne eigentliche Substanz. All dies spreche für eine Kopie Giulio Romanos nach einer verlorenen Zeichnung Raffaels.
Antonio Salamanca (→) (Verleger), Martha führt Magdalena zu Christus, nach Marcantonio Raimondi, dieser nach Raffael (?), Kupferstich im Bildsinn, Einzelblatt
Die beruhigte Komposition lässt darauf schließen, dass die Vorlage zu Raimondis Stich – sei es die Zeichnung in Chatsworth oder eine ihr ähnliche, kaum aber das Fresko selbst (s. u.) – an klassische Lösungen Raffaels anknüpft oder von diesem selbst herrührt. Sie unterscheidet sich von Giulio Romanos wenig später entstandenen Kompositionen wie der Vision Konstantins oder der Taufe Konstantins mit ihrer Fülle von Figuren und der turbulenten Bewegtheit der Szenen. Raimondi brachte die Darstellung gegenüber dem Entwurfsstadium, wie es die Münchner Zeichnung widerspiegelt, aber auch gegenüber der Zeichnung in Chatsworth auf ein Rechteckformat und veränderte die Perspektive der Architekturen. Dadurch wird der Himmelsausschnitt weiter und die verbindende Funktion des Tempels, die bereits im Projektstadium der Münchner Zeichnung angelegt ist, wurde abgeschwächt zugunsten einer Freistellung Marthas sowie des thronenden Christus mit seiner erhobenen Rechten. Die Überführung der Lünettenform ins Rechteck zeigt, dass es weniger darum ging, die Freskendekoration im Stich zu dokumentieren, als dass vielmehr das Thema und die Komposition von Interesse waren: Treppen dieser Art wurden in Deckenbildern zum häufigen Requisit, das in die Szene einführt, dem Bildgeschehen einen staffelnden Unterbau gibt und vom Realraum in die Sphäre des Bildes überleitet.
Der Münchner Kupferstich rechnet zu einer ganzen Reihe von Kopien nach Raimondis populärer Fassung. Salamanca setzte in die freie Himmelspartie in lateinischer Sprache die Worte nach Lukas 11,28, die er dem Thronenden als Zuruf an Magdalena in den Mund legt: „Selig, die das Wort Gottes hören und es bewahren.“ Diese Einfügung stellt eine glückliche Ergänzung dar, die nicht nur die leere Fläche über dem Tempel akzentuiert, sondern auch die Handlungsträger sinnreich miteinander verbindet.
5 a
Zeichnung
Martha führt Magdalena zu Christus, Cappella Massimi, SS. Trinità dei Monti, Rom
1520–22
Giulio Romano (?) (→) bzw. Kopie nach einer Zeichnung von Raffael (?)
Die Aufgabe besteht darin, die Hinführung Magdalenas zu Christus vor einer Menschenmenge in städtischem Umfeld zu inszenieren. Der Heiland thront auf einem Podest oberhalb der Treppe. Marthas Zeigegestus erscheint durch das Tempelgebälk bis zu Christus verlängert und so Weg und Ziel beider Frauen angedeutet. Wie durch einen Nimbus wird Magdalenas Haupt vom Weiß eines Vorbaus hinterfangen. Dennoch fallen das Ambiente mit den umrahmten Fenstern und der Dachtraufe etwas zu detailreich und die Figur vorne rechts zu wuchtig aus, um die Komposition schon in diesem Stadium auf das Eigentliche zu konzentrieren.
Feder in Gelb-Braun, Spuren einer Vorzeichnung in schwarzem Stift; das Blatt später in schwarzer Feder umrandet; oben bogenförmig abgeschlossen; verso in schwarzem Stift am unteren Rand nicht bestimmbares Motiv
226 x 333 mm (Blatt)
Kein Wasserzeichen
Beschriftet u. r.: „1186“ (alte Inv.-Nr.); verso in roter Feder: „Inv.No 2467“ (Inv.-Nr.); in Bleistift (kaum lesbar) „Raf […] original“ sowie Spuren eines nicht mehr lesbaren Wortes in schwarzer Feder.
Inv.-Nr. 2467 Z
Vertikaler Knick i. d. M.
Sammlung Kurfürst Carl Theodor, Lugt 2723
Literatur: Ausst.-Kat. München 1977, S. 116–118, Nr. 79, Abb. 10; Ausst.-Kat. Lawrence 1981, S. 172; Ausst.-Kat. Wien 1999, S. 180–181, Nr. 117; Wolk-Simon 2011, S. 149 und S. 157, Anm. 7; Knaus 2016, S. 159, Anm. 9 (die Münchner Zeichnung wird dort irrtümlich als Kopie nach dem Blatt in Chatsworth bezeichnet)
Literatur / Literature
Grande Decorazione. Italienische Monumentalmalerei in der Druckgraphik, Ausst.-Kat. München, Staatliche Graphische Sammlung München in der Pinakothek der Moderne, bearb. von Kurt Zeitler, Berlin / München 2018, S. 25, 62, Abb. S. 60, Kat.-Nr. 5a
Raphael und der klassische Stil in Rom, Ausst.-Kat. Wien, Graphische Sammlung Albertina, hrsg. von Konrad Oberhuber, bearb. von Achim Gnann, Mailand 1999, S. 180-181, Abb. S. 181, Kat.-Nr. 117
Italienische Zeichnungen des 16. Jahrhunderts aus eigenem Besitz, Ausst.-Kat. München, Staatliche Graphische Sammlung, hrsg. von Staatliche Graphische Sammlung München, bearb. von Richard Harprath, München 1977, S. 116-118, Abb. 10, Kat.-Nr. 79

