recto: Entwürfe eines Mechanismus zur Goldbearbeitung; verso: Studien für Mechanik und Schiffsbau
Datierung / Date
vor 1495Technik / Material Technique / Material
Feder in BraunMaße / Dimensions
Blattmaß / Sheet: 190 x 165 mmInv.-Nr. / Acc. No.
2152 ZBemerkungen / Notes
Leonardo da Vinci
Vinci bei Empoli 1452 – 1519 Schloß Cloux bei Amboise
Mechanismus zur Goldbearbeitung, vor 1495
Verso: Hydraulische Maschinen mit Erläuterungen
Recto und verso: Feder in Braun; beschriftet in Spiegelschrift zu Modellzeichnung M: Il polo del fattorino (m) M si vuole po/terlo tirare a 1/2 e a 1/3 e a 1/4 della/lunghezza del fattorino, perché lo strumento/qualche volta torna indietro, poco o quando/assai, secondo la larghezza dell’oro ch’è accomodata/col circolo maggiore o minore della vite che/muove; e a questo fatto segnerai in esso fa/ttorino i luoghi che mediante l’esperienza acca/dranno una volta, perchè sempre avrà a fare il medesimo. Zu Modellzeichnung P: Tutta questa ruota …/me, cogli altri in gi …/starà sotto il solar …/che fia occulta e non …/il martello coll’or …/di ne starà sopra il so …/ la cagione occulta ell …/lese; Wasserzeichen: Briquet 6599.
190 x 165 mm.
Inv.-Nr. 2152 Z. – Altes Inventar 9056, auf einer verlorenen handschriftlichen Liste, von der vermutlich die alte maschinenschriftliche Liste Handzeichnungen von Artaria & Fontaine in Mannheim eine Abschrift darstellt, ist das Blatt nur indirekt vermerkt (1831 / 3. Febr.: 1 Leonardo da Vinci, Christus beruft Petrus und Andreas zum Apostel-Amt). Auf der Rückseite dieses Blattes, das 1951 unter Raffael eingeordnet wurde und seit 1968 unter Perino del Vaga liegt, waren die drei Münchner Fragmente mit technischen Zeichnungen Leonardos (Inv.-Nr. 2152, 2152a und 2152b) aufgeklebt. Sie wurden wohl erst gegen 1892 abgelöst, als das Blatt Berufung des Petrus und Andreas unter der Inv.-Nr. 34860 neu inventarisiert wurde. – Neues Inventar (1852): Vinci, Leonardo da: Christus ruft den Petrus und Andreas zum Apostelamte; eine vollständige Kopie nach dem Münchner Blatt befindet sich in Florenz, Uffizien, Gabinetto disegni e stampe. inv. 4085 A (vgl. De Toni 1981).
Provenienz: wohl nicht Sammlung Kurfürst Carl Theodor, Mannheim, sondern Erwerb durch König Ludwig I., am 3. Februar 1831 bei Artaria & Fontaine in Mannheim; Lugt 2673, 2674.
Literatur: Schmidt 1884, Nr. 74a, Taf. 106. – Uzielli 1884, Nr. 26, S. 311. – Pedretti 1957, S. 222-229, Taf. XI, XII, XIII. – De Toni 1981, Abb. S. 29 (recto), Abb. S. 36 (verso), S. 30, 35, 37-48. – Semff 2002, S. 214 f. mit Abb.
Ausst.-Kat.: München 1967, Nr. 40, S. 63, Taf. 11. – Florenz 1992, Nr. 9.18, S. 197, Abb. S. 197 und 198. – Speyer 1995, Abb. S. 112 (verso) und S. 113 (recto). – München 2008. Bd. 1, Abb. S. 48 (verso) und S. 49 (recto), Bd. 2, S. 171.
Von Leonardo besitzt die Graphische Sammlung drei Fragmente mit mechanischen Konstruktionen. Eine Nachzeichnung in den Uffizien gibt in etwas anderer Anordnung aber vollständig, sämtliche Elemente auf den drei Blättern in einer Darstellung wieder. Vermutlich wurden die Zeichnungen aus einem einzigen Blatt herausgeschnitten, das dem Autor der Nachzeichnung noch als Ganzes vorlag. Das größte Fragment zeigt auf der Vorderseite zwei Modellstudien, die Leonardo in seiner linkshändigen Schrift und mit den Buchstaben M und P bezeichnete. Die Studien stellen keine Ansichten von gebauten oder zu bauenden Maschinen dar. Leonardo ging vielmehr – wie die meisten Erfinder – von einem gewünschten Ergebnis aus, für das er mit der Zeichenfeder den Lösungsweg suchte: Aus den Beschriftungen geht hervor, dass Gold bearbeitet werden soll, und das kleine Hammerwerk M würde es gleichmäßig ausklopfen. Als Antriebskraft könnte eine Spannfeder dienen. Dreht sich in der Studie P das Rad nach rechts, nimmt ein Zahn den Zapfen mit, der auf einer Achse mit dem Hammer so montiert ist, dass sich der Kopf hebt, wenn der Zahn den Zapfen nach oben schiebt. Der Hammer fällt, wenn der Zapfen in den Zwischenraum schlüpft. Der Abstand der Zähne und die Rotiergeschwindigkeit bestimmen das Intervall der Schläge. Die Umsetzung der Drehbewegung in ein Auf und Ab entwarf Leonardo zunächst abstrakt und flächig. Erst in einem zweiten Schritt deutete er Perspektivisches an. Die Idee mit dem Rad und dem Hammer liegt auch der Zeichnung M zugrunde, nur ist das Rad dem Beschnitt zum Opfer gefallen und das Hammerwerk mit einem Zugmechanismus kombiniert.
Kein Gehäuse verbirgt die Konstruktion. Die Laufwellen vorn hängen sogar frei im Raum. Wichtiges bleibt von Unwichtigem geschieden, die Aufmerksamkeit bleibt ganz aufs Ergebnis konzentriert. Damit verfährt der Ingenieur Leonardo im Prinzip wie der Maler: Beide stellen sich auf die Wahrnehmung des Beschauers ein. Durch Weglassen wird die technische Zeichnung besser verständlich, ebenso wie die Unschärfe von Leonardos berühmtem Sfumato in den Gemälden jene Lebensnähe erzeugt, die bislang von keiner noch so großen Deutlichkeit erreicht werden konnte. Dem Ingenieur Leonardo ist wie dem Maler die Abstraktion eine Goldader. Ob in der technischen Zeichnung oder im Gemälde – in einer kopernikanischen Wende der Darstellungsart wird die meiste Wirkung dort erzielt, wo der Gegenstand auf die Bedingungen des betrachtenden Subjekts eingestellt ist.
Die Münchner Fragmente waren, als sie in die Sammlung kamen, auf die Rückseite eines Blattes geklebt, das eine Berufung des Petrus und Andreas zeigt und heute Perino del Vaga zugeschrieben wird. Als ursprüngliche Rückseite dieses Blattes trägt das größte der Fragmente auf seinem Recto die Inventarnummer dieses Konglomerats. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die technischen Zeichnungen von der Perino-Studie abgelöst, wobei die bezeichnete und beschriftete Rückseite des ausgestellten Blattes zum Vorschein kam. Die Münchner Fragmente stammen vermutlich von einem Blatt des um 1480 zusammengestellten Codex Atlanticus. Vielleicht wurde es von Pompeo Leoni zerschnitten, der nach dem Tod von Leonardos Schüler Francesco Melzi (1570), in den Besitz großer Teile des Leonardo-Nachlasses kam und häufig Zeichnungen, deren Zusammenhang er nicht verstand, zerschnitt, sie auf Bögen klebte, zu Folianten band und verkaufte.
Kurt Zeitler
Literatur / Literature
Dürer to de Kooning. 100 Master Drawings from Munich. Von Dürer bis de Kooning. 100 Meisterzeichnungen. Die Staatliche Graphische Sammlung München zu Gast in New York, Ausst.-Kat. New York, The Morgan Library & Museum, München 2012, Abb. S. 29, Kat.-Nr. 5
Michael Semff und Kurt Zeitler (Hrsg.), Künstler zeichnen, Sammler stiften. 250 Jahre Staatliche Graphische Sammlung München, Bd. I, Ostfildern 2008, Abb. S. 48 f.
Michael Semff (Hrsg.), Ein Bildhandbuch. A visual handbook. Staatliche Graphische Sammlung München, München 2002, S. 214, Abb. S. 215
Italienische Zeichnungen. 15. - 18. Jahrhundert, Ausst.-Kat. München, Staatliche Graphische Sammlung, hrsg. von Staatliche Graphische Sammlung, bearb. von Annegrit Schmitt, München 1967, S. 63, Taf. 11, Kat.-Nr. 40
Kgl. Graphische Sammlung München (Hrsg.), Verzeichnis der Faksimile-Drucke in Originalgröße nach Handzeichnungen alter Meister in der Kgl. Graphischen Sammlung München, München 1911, S. 7
Schmidt, Wilhelm, Handzeichnungen Alter Meister im Königlichen Kupferstich-Kabinett zu München, 8 Lieferungen in 4 Bde., München (Bruckmann) 1884–88 , Taf. 106, Kat.-Nr. 74a

