Datierung / Date

16./17. Jh.

Technik / Material Technique / Material

Rötel

Maße / Dimensions

Blattmaß / Sheet: 250 x 158 mm

Inv.-Nr. / Acc. No.

3096 Z

Beschr. / Inscr.

Beschr. auf Blatt (recto) / Inscr. (recto): in brauner Feder u. r.: „3870 “ (alte Inv.-Nr.)
Beschr. auf Blatt (verso) / Inscr. (verso): in Bleistift: „3096“ (Inv.-Nr.)

Erwerb / Acquisition

Kurfürst Carl Theodor, Mannheim

Bemerkungen / Notes

Text aus: Kurt Zeitler, Zeichner in Rom 1550 - 1700, Berlin/München 2012, S. 112-113, Kat. 42
42
Kreis des Annibale Carracci
Junger Mann, zeichnend, um 1600
Rötel; beschriftet unten rechts mit Feder in Braun: 3870.; Wasserzeichen: Dreizackige Krone über Kreis.
250 x 158 mm
Inv.-Nr. 3096 Z. – Altes Inventar (1804) Nr. 3870: unbek. Ital. / 16. [in blauem Farbstift]: Ein sitzender Mann zeichnet. – Neues Inventar (1852): Mazzuoli, Fr.: Ein junger Mann auf einem / Stuhle sitzend zeichnet in ein / großes Buch.
Provenienz: Kurfürst Carl Theodor, Mannheim (Lugt 2723); Lugt 2674.
Literatur: Goldstein 1988, S. 56, 58, 210, Abb. 21. – Petherbridge 2010, S. 224, Abb. 153.
Auf einem Stuhl sitzend, zeichnet der junge Mann mit doppelendigem Stift, den er in der linken Hand führt, in das Skizzenbuch. Modell könnte der Beschauer sein, aber auch – sofern der Zeichner in den Spiegel blickt – er selbst. Ein so großer Spiegel, der ihn in Ganzfigur zeigen könnte, wird dem Zeichner kaum zur Verfügung gestanden haben. Möglicherweise aber erweiterte er seine Gestalt über das Brustbild im Spiegel hinaus zur Sitzfigur, worauf die kursorische Behandlung der räumlichen Beziehungen sowie die unterschiedliche Durchformung der Beine hindeuten kann.
Der junge Mann zeichnet was er sieht, nicht was er weiß – er zeichnet nach dem Leben, nicht nach dem Geist. Sein Habit besteht aus Wams mit Kragen, einem Überwurf und aus einem verbeulten Hut, wie auch Annibale Carracci einen besaß und sich damit darstellte. Die Unterarme stecken in einer Art Ärmelschoner, die Beine in Pluderhosen. Der rechte Fuß trägt eine Sandale, der linke ist unbekleidet. Vielleicht hat, wie Deanna Petherbridge meint, der Junge die Sandale in einem Moment konzentrierter Selbstvergessenheit weggekickt – jedenfalls scheint die Empfindsamkeit, mit der sein Blick auf dem Beschauer ruht, durch das Sensorium des nackten Fußes nur noch gesteigert. Wie gewissenhaft das Naturvorbild studiert, erfühlt und wiedergegeben wird, belegt das Blatt durch seine präzise Zeichenweise in spitzem Rötelstift und die komplexe Binnenmodellierung im Wechsel von Lichtinseln und nuancenreichen Schraffuren.
Zeichnen in Rom nach der Wende zum 17. Jahrhundert war wenigstens bis zur Mitte des Säkulums durch den auf die Wirklichkeit gerichteten Blick der Oberitaliener wie Caravaggio und der Bolognesen wie Annibale Carracci bestimmt. Im Unterschied zu Federico Zuccaris Darstellung seines in der Loggia der Villa Farnesina die Fresken Raffaels studierenden Bruders Taddeo (Kat. 23), mag dieses Blatt die seither geschärfte Aufmerksamkeit für das Natürliche und bislang als geringfügig Erachtete, im Kreis der Künstler um Annibale Carracci aufs Schönste verdeutlichen.

Literatur / Literature

Zeichner in Rom 1550-1700, Ausst.-Kat. München, Staatliche Graphische Sammlung München in der Pinakothek der Moderne, bearb. von Kurt Zeitler, München 2012, S. 112-113, Abb. S. 112, Kat.-Nr. 42
Deanna Petherbridge, The Primacy of Drawing. Histories and Theories of Practice, New Haven / London 2010, Abb. S. 224, Abb. 153